Berlin Career College
Masterstudiengang Leadership in digitaler Kommunikation
Leadership-in-Digitaler-Kommunikation-Projekt-Streetowner

Streetowner

​Matter of concern

Wie fördern wir die Beteiligung an der Gestaltung des städtischen Umfelds?

Kurzbeschreibung

Streetowner ist eine webbasierte Plattform, die einen durchgängigen On- und Offline-Kommunikationsprozess ermöglicht. Sie bietet Werkzeuge und Tipps, um Diskurse zu gestalten und Projekte zur Aufwertung der unmittelbaren Umgebung gemeinsam umzusetzen.

Team: Anette Lejeune, Christian Blessing, Renato Soldenhoff, Stefan Müller-Viise

Projektzeitraum: 15.02. – 31.03.13

Modul: Universität der Künste Berlin & Universität St. Gallen / Gestaltung I

Betreuung: Prof. Peter Friedrich Stephan, Pia Betton (Edenspiekermann), Dr. Ralf Groetker (Explorat)

​Hintergrund

Wir greifen in unserem Projekt mehrere Strömungen auf, die besonders in urbanen Räumen ihren Ausdruck finden – oder zumindest dort wegen der räumlichen Verdichtung gut wahrgenommen werden können:

1. Das Rollenverständnis zwischen Staat, Stadt und Anwohnern hat sich verändert. Bürger wollen an politischen Gestaltungsprozessen stärker und kontinuierlich beteiligt werden. Starke Proteste gegen einzelne (Groß-)Projekte verweisen darauf, dass die alleinige Entscheidungskompetenz der Politik infrage gestellt wird. Beispiele hierfür sind etwa Erfahrungen mit kommunalen Privatisierungswellen und deren derzeitige Rückabwicklung (Beispiel: Wasserversorgung und Elektrizität) sowie Bauprojekte, bei denen Anwohnerinteressen nicht ausreichend berücksichtigt bzw. Ziele und Abläufe nicht genügend vermittelt wurden.

2. Als Gegenbewegung zu Globalisierung und Internationalisierung werden der Nahraum, die unmittelbare Wohnumgebung, das Regionale und das Lokale wiederentdeckt. Die gehobene Gastronomie verarbeitet regionale Produkte auf innovative Weise, kurze Wege für Lebensmittel gelten als Qualitätskriterium, Menschen nehmen gewachsene Wohnstrukturen auch in Städten als angenehm wahr.

3. Eine damit eng verbundene Gegenkodierung zu global leicht erreichbaren Gütern ist das Selbermachen, das "die Dinge selbst in die Hand nehmen". Auch hier spielt Vertrauensverlust eine Rolle (Beispiel Lebensmittelskandale), aber auch die reine Freude an handwerklicher Technik, gemeinsamem Schaffen von Dingen oder der Stolz auf das (sichtbare) Ergebnis.

Zusammen führen das geänderte Politikverständnis, eine neue Wahrnehmung des Wohnumfeldes und die Lust am (gemeinsamen) Gestalten zu einem neuen Raumverständnis und der aktiven Aneignung öffentlicher Räume. Handlungen erzeugen ein neues Bild von Stadt, Netzwerke schaffen soziale Räume, durch Aktion wird der aktive Dialog mit Stadtplanern, Politik und Investoren angestoßen. Bürger schließen sich in temporären Gruppen zusammen, um Planungen zu verfolgen und mitzugestalten, und erhalten dadurch mehr Öffentlichkeit und politisches Gewicht.
Wir begreifen aktive Stadtgestaltung durch Anwohner jedoch für unser Projekt nicht als Protestphänomen, sondern knüpfen direkt an Erfahrungen früherer, durchaus politisch motivierter Theorien und Umsetzungen an:

4. Die Broken-Windows-Theorie beschreibt, wie ein vergleichsweise harmloses Phänomen, z. B. ein zerbrochenes Fenster in einem leerstehenden Haus, schrittweise zu zunehmender Zerstörung und schließlich völliger Verwahrlosung eines Stadtviertels führen kann. Geschichtlich knüpft "Broken Windows" an die Theorie der "Delinquency Areas" (Delinquenzgebiete) durch die Chicagoer Schule von C. R. Shaw (1929) an. Schnelles Eingreifen, z. B. das direkte Reparieren von Schäden oder Übermalen von Tags, schützt vor unerwünschter Nachahmung.

5. Einen anderen Ansatz verfolgte 2002 der Bürgermeister von Tirana. Edi Rama war Künstler, bevor er sich als Politiker einen Namen machte. Als Rama sein Amt antrat, war die Hauptstadt Albaniens eine geschundene und heruntergekommene Stadt. Gewalt und Korruption blühte. Er veranlasste, dass Häuser in der Stadt in kräftigen, und auffallenden Farben bemalt wurden. Auf die Frage, ob die Farbwahl nicht zu schreiend und exzentrisch sei, antworte er in einem Interview:
“I told them no. Compromise in colors is grey. When colors came out everywhere, a mood of change started transforming the spirit of the people … People started to drop less litter in the streets. They started to pay taxes. They started to feel something they'd forgotten … Beauty was giving people a feeling of being protected. This was not a misplaced feeling — crime did fall."

Aufgabe

Streetowner greift Ansätze auf und entwickelt sie unter den Gesichtspunkten der Unterstützung von Bürgerbeteiligung weiter.

Herausforderung

Streetowner soll nicht das Schicksal erleiden, wie andere Plattformen, die in der Regel mit mangelndem öffentlichem Interesse zu kämpfen haben. Entweder handelt es sich um reine Beschwerdeportale, den Austausch zu kleinen Partikularinteressen, zu wenig glaubwürdige politische Portale, graphisch schlecht gestaltete Seiten oder auch Tools, die keinen wirklichen Austausch ermöglichen. Auch rein ehrenamtlich betriebene Plattformen ohne jegliches Geschäftsmodell haben es schwer, auf Dauer zu bestehen und aktuell zu bleiben.

Vision

JEDER ist Streetowner. JEDER sollte sich für sein engeres Wohnumfeld verantwortlich fühlen und sich, soweit persönlich möglich, engagieren. Sich im Rahmen von Problemlösungen und Verbesserungen nur auf die öffentliche Verwaltung zu verlassen, ist nicht mehr zeitgemäß. Streetowner bildet ein Werkzeug zur Unterstützung und Vernetzung, motiviert zu Stadtprojekten und kollaborativer Mitwirkung, generiert personelle und finanzielle Unterstützung und wird nachhaltig genutzt.

​Konzept und Umsetzung

Streetowner setzt auf Eigeninitiative und ist auf die Sichtbarmachung (on- und offline) des Engagements und der Erfolge ausgerichtet. Es stärkt generationsübergreifend die Kommunikation der Anwohner und somit die Bindung untereinander. Zudem bietet Streetowner – in der Form der webbasierte Plattform – Interessierten die Möglichkeit, jederzeit auf die Diskussionsstände – von in Planung befindlichen und bereits umgesetzten Projekten – sowie auf die projektbezogene Wissensdatenbank zuzugreifen. Über Tools, die analog zum Crowdfunding aufgebaut sind, lassen sich größere Projekte gemeinsam finanzieren, aber auch personelle Ressourcen generieren sowie Wissen aufbauen und abschöpfen. Die Expertise von Laien und Experten kann und soll ausdrücklich eingebunden werden.

​Vorgehensweise

1. Als übergreifende Methodik diente ein multidisziplinärer und nutzerorientierter Service-Design-Prozess.

2. Für die Konzeptionierung und Entwicklung wurde unter anderem mit Methoden aus dem Design Thinking und Design Research gearbeitet.

3. Dabei wurden folgende Projektphasen durchlaufen:

  • Exploration (Desktop Research, qualitative und quantitative Interviews mit einem Stadtplaner, einem Soziologen, potentiellen Nutzern, Anwohnern, Politik und Gewerbetreibenden, Scope, Drill Down, Brainstorming)
  • Ideation (Identifizierung von Personas, Konzeptentwicklung)
  • Prototyping (Papermodels, Testing, Erstellung einer Customer Journey).
Ziel

Entwicklung und Etablierung einer webbasierten Plattform und Toolbox (streetowner.org), die einerseits vorhandene Informationen übersichtlich aufbereitet, andererseits Platz für Diskurse bietet und die Vernetzung zur tatsächlichen Umsetzung von Projekten fördert. Dadurch wird dann stadtgestalterische Partizipation gefördert, Identität gestiftet, Eigeninitiative generiert und unterstützt sowie die Akzeptanz für Veränderungen erhöht.. Wichtig sind klare Verweise und Rückbezüge in das und aus dem realen Leben, Mitbestimmung, Beteiligung und Unterstützung bei der Umsetzung von Projekten, damit dauerhaft genügend Traffic generiert und die Plattform am Leben gehalten wird.

​Verweise/Quellen